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Ulrike Roth - Raum 1 Infotext
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Portraits ohne Menschen
Verfremdung durch Reduktion ist Thema der ‘Arbeitsräume’, für die Ulrike Roth 1994 den Deutschen Kunstpreis erhielt. Die Bilder stellen die Büros bedeutender Männer aus Politik, Kunst und Wissenschaft dar. Der Clou der Bilder: Die Inhaber der Büros sind nicht zu sehen, die Künstlerin hat sie bewusst ausgespart.
Die Portraits ohne Menschen sind nach Fotos entstanden, auf denen die Menschen sehr wohl sichtbar waren. Sie standen oder saßen an ihren Schreibtischen, manche haben direkt in die Kamera gesehen, andere nicht, kurz: sie beherrschten das Bild. Indem Ulrike Roth die Menschen aus den Bildern getilgt hat, macht sie ein erstes Statement, das da heißt: Räume sagen eine Menge über ihre Besitzer aus. Man kommt ins Grübeln über den Ordnungssinn eines Helmut Schmidt, die Sammelleidenschaft von Sigmund Freud oder die Fahne, die die Wand hinter dem Schreibtisch des russischen Kommandeurs Burlakow schmückt.
Die entscheidende Verfremdung aber erzielt Ulrike Roth durch die Farbwahl. Sie nutzt nur drei Farben blau, braun und weiß, nicht gerade alltägliche Farben, und zusammen auch nicht unbedingt das, was man gemeinhin als schön bezeichnet. Tatsächlich geben diese Farben gemischt ein nahezu unwirkliches Licht, das in manchen Fällen an High-Tech-Labors erinnert. Es ist so kühl und so künstlich, dass es unweigerlich die Situation einer sezierenden Beobachtung assoziiert.
Als Ulrike Roth mit der Malerei begann, hat sie Menschen in Räumen gemalt - was bei einer Bühnenbildnerin nicht überrascht. Heute malt sie Räume ohne Menschen. Ein Widerspruch? Keineswegs, meine ich, sondern vielleicht sogar eine kontinuierliche Entwicklung, denn die Arbeitsräume beschäftigen sich mit derselben Frage - nur aus einer anderen Perspektive.
War es früher die Bewegung der Menschen im Raum, die Ulrike Roth interessierte, so ist es heute die Frage: Was für Räume - und damit Lebenssituationen - schaffen sich Menschen? Wie inszenieren sie sich? Wie präsentieren sie sich? Was zeigen sie und was verbergen sie möglicherweise?
Diese Fragen sind in einer Gesellschaft, in der die (Massen-) Medien die öffentliche Kommunikation prägen und bestimmen, von großer Bedeutung. Die Medien sind es, die Bilder von Privatheit und Macht erzeugen und damit unsere Wahrnehmung von beidem prägen. Ursprünglich, in der Renaissance etwa oder in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts, war dies eine der wichtigen gesellschaftlichen Funktionen der Malerei. Diese Aufgabe hat sie im 20. Jahrhundert kampflos aufgegeben. Es ist nicht überraschend, wenn sie diese Aufgabe nun wieder für sich reklamiert, zu einer Zeit, in der sich die Gesellschaft neu orientiert und sich die Frage nach ihren eigenen historischen, politischen und kulturellen Narrativen stellt und stellen muss.
Helene Conrady